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Tante Filareti in der Pflege | Niko Papadakis

Wir sollten uns davon distanzieren zu glauben, dass in Ländern, denen es momentan finanziell nicht gut geht, auch alles viel schlechter als bei uns ist. Es ist vielleicht anders und trotzdem denke ich, dass Parallelen sich auch hierzulande finden.Das aktuelle Beispiel ist der Tatsache zu verdanken, dass Tante Filareti in Heraklion einen kleinen häuslichen Unfall hatte und ihr Bein geschient werden musste. Sie war somit absolut bewegungsunfähig und das wäre kein so großes Problem gewesen, wenn nicht ausgerechnet jetzt Anna und Katharina, ihre zwei Freundinnen, bei ihren Kindern in Patras beziehungsweise Thessaloniki gewesen wären und Kostas mit Eleni den ersten kleinen viertägigen Urlaub nach zwanzig Jahren angetreten hatten. Filareti musste nun schauen, wie sie die nächsten vier Tage und drei Nächte über die Runden kommt.Was bei uns hier Kurzzeitpflege genannt wird, die in Krisensituationen, in denen vorübergehend häusliche oder teilstationäre Pflege nicht möglich oder ausreichend ist, ist in Griechenland die Nothilfe und die sieht so aus, dass der- oder diejenige bis zu einem Monat in einem Altersheim untergebracht wird, damit die notwendige Unterstützung geleistet werden kann. Filareti, die ihr ganzes Leben auf sich allein gestellt war und alles gemeistert hatte, nahm diese Sache gelassen entgegen und freute sich, den „Alten“ – sie ist bekanntlich 91 Jahre jung-, zu zeigen, wie rüstig man sein kann. Im Kopf fit wie die neuesten Turnschuhe von Nike oder Adidas, an den Beinen jedoch lahm wie eine müde Schnecke, wurde sie mit einem Krankentransport in ein Altersheim nahe Knossos gebracht. Sie machte sich Mut und sagte sich, dass diese vier Tage mit Sicherheit schnell vergehen werden.Sie kam um 11:30 Uhr im Altersheim von Knossos an und eine nicht unbedingt gut aufgelegte Empfangsdame, die kaum griechisch konnte, sagte zum Fahrer, dass er das nächste Mal, wenn er jemand bringen würde, doch nach 13:00 Uhr kommen sollte, weil jetzt müsste ein weiteres Maul gefüttert werden. Filareti nahm es gelassen hin. Sie wurde kurzerhand mit dem Rollstuhl an einen Tisch in der Cafeteria gefahren und kaum hatte sie sich versehen, fand sich auch ein Lätzchen um ihren Hals. Sie machte der Frau, die so selbstlos und hilfsbereit war, klar, dass sie nichts an Oberkörper oder Händen hätte, sondern ihr Bein wäre still gelegt worden. Die Helferin, die fast genau so wenig griechisch konnte wie die selbst ernannte Empfangsdame murmelte etwas wie: „sitzen, ruhig sitzen.“ Man legte ihr auch Plastikbesteck zur Seite und ermahnte sie, doch noch etwas zu warten. Dieses Warten dauerte fast eine halbe Stunde. In dieser Zeit füllte sich der Raum mit älteren Herrschaften mit den diversesten Charakteren. Der Fünfer-Tisch, an dem Filareti platziert war, war belegt mit Domna, einer sechsundachtzigjährigen blinden Frau, Lula, nicht viel jünger und taub, Katina, weit in den Neunzigern, blind und taub und Melpomeni, die noch sehr jung und rüstig aussah, aber Filareti am unangenehmsten auffiel, weil sie, kaum am Tisch sitzend, den Salzstreuer zu sich nahm und den Inhalt großzügig über den Bauernsalat, der in der Tischmitte stand, streute. Der Salat war ungenießbar, aber Melpomeni zufrieden. Danach war Mittagsruhe angesagt. Filareti sah nun ihr „Hotelzimmer“, wie sie später berichtete, zum ersten Mal. Ihr Badezimmer zuhause war viel größer und geräumiger. „Du müssen jetzt schlafen“, sagte die Betreuerin, die sich jetzt einen weißen Kittel angezogen hatte. Bis vor zehn Minuten war sie noch Empfangsdame. „Aber ich will nicht schlafen“, erwiderte Filareti. „Müssen aber!“ war die Antwort, und kaum hatte sich Filareti versehen, hatte dieses Mannsweib sie ins Bett gepackt und ermahnt: „Ruhig sein, schlafen, alle jetzt schlafen.“ Filareti lag nun da und besann sich, dass sie seit einer guten halben Stunde aufs Klo musste. Zaghaft rief sie „Hallo“, und dann etwas lauter, nichts geschah. Dann sah sie links vom Bett eine Kordel, die sie sofort als Alarmklingel identifizierte. Sie zog daran und tatsächlich öffnete sich einige Minuten später die Tür und die uns inzwischen alte Bekannte, die Olga hieß, erschien. „Du sollen schlafen“, sagte Olga. „Aber nicht ohne vorher auf die Toilette zu gehen,“ meinte Filareti. „Du kannst aber nicht gehen“, sagte Olga. „Darum habe ich ja auch gerufen“, meinte Filareti. Wir kürzen das Weitere ab, letztendlich schnappte sich Olga mit sicherlich hundertmal geübten Bewegungsabläufen Filareti, was mit deren knapp 60 kg kein Problem war, und brachte sie zur Toilette, die sich am Ende des Ganges der Abteilung befand. Gekonnt zog sie ihr Hose und Strümpfe aus und setzte sie auf die Brille. Filareti schlief, wieder in ihrem Bett, tatsächlich ein. Kurz nach siebzehn Uhr wachte sie durch laute Musik auf, die aus dem Nebenzimmer kam. Es war Lula, die sehr taub war und Musik nur durch Vibrationen genießen konnte. So schlimm war der Lärm dann auch nicht, wusste später Filareti zu berichten, es sang doch Mitropanos. Das Abendessen wurde um 19:00 Uhr gereicht. Es gab diverse Vorspeisen auf Basis von Zatziki, was Filaretis Laune spontan hob. Als durch Olga die Teller weggeräumt waren, zog Filareti zwei Satz Karten aus ihrer Kitteltasche und fragte in die Runde, wer noch etwas spielen wollte. Alle bis auf Domna, die nichts sehen konnte, waren dabei. „Das trifft sich gut“, sagte Filareti, „wir können auch nur zu viert spielen“, und verteilte die Karten, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass die anderen die Regeln für Pinacle kannten. Da Melpomeni sehr rasch müde wurde und sich nicht konzentrieren konnte, sprang Olga als vierte in der Runde ein, bis Lula weit nach Mitternacht fragte, was es morgen zum Mittagessen geben würde.Um zwei Uhr in der Früh, Filareti hatte bereits weit über die Hälfte der Partien für sich entschieden, beschloss man, eine Pause einzulegen, um am nächsten Tag weiter zu machen. Die nächste Tage vergingen und Filareti wurde zum Star des Altenheims. Am Abend des vierten Tages klingelte es an der Haustür, die um zwanzig Uhr verschlossen wurde. Es waren Eleni und Kosta, die Filareti wieder mitnehmen wollten. „Ich denk ihr seid in Athen“ sagte Filareti. „Wir sind seit einer Stunde wieder zurück“, meinte Eleni. „Heute ist doch schon Dienstag“. Filareti stellte ihnen ihre Kartenspielschwestern vor und nachdem Kostas meinte, jetzt wäre ein kretischer Raki angebracht, stand Olga auf und schwups war sie mit mehreren Gläsern und einer Wasserflasche, die dieses Feuerwasser enthielt, zurück. Kostas blickte in die fröhliche Runde und meinte: „Lieber Gott, wir haben doch nur ein Leben. Danke, dass ich es als Grieche leben darf.“