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Nikos erzählt | Niko Papadakis

Der Ausverkauf Griechenlands oder eine böse Vision

Lasst mich bitte gleich mit einer Frage beginnen…. Was würdet Ihr denken, wenn nachts um zwei Uhr das Telefon klingelt?
Da gibt es Diverses, was einem im Kopf rumgeistert, irgendetwas Dramatisches ist passiert oder irgendein anonymer Spinner macht sich einen Jux daraus, jemanden zu ärgern… In diesem Fall war es ein Spinner, aber nicht anonym. Es war mein alter Kumpel Grigoris aus Melbourne.
„Hallo Niko, alles klar bei Euch?“ fragte er, nachdem ich schläfrig ein „ja“ ins Telefon hineinkrächzte. „Bei uns ist alles in Ordnung, aber Du scheinst Dich irgendwie in der Zeit vertan zu haben.“ Nach einigen Sekunden Schweigen entschuldigte sich Grigoris, aber sein Anruf wäre so wichtig, dass er nicht nachgerechnet hatte, dass bei ihm jetzt 10:10 Uhr vormittags sei, bei uns jedoch um 2:10 Uhr nachts.„Schalte Deinen PC ein und ich gebe Dir eine Seite durch.“ „Grigori, Du bist ein lieber….“ Er unterbrach mich sehr direkt. „Labere nicht und schalte Deinen PC an, es ist sehr wichtig.“ Wenige Minuten später, meine Frau war ebenfalls aufgestanden und sah mich fragend an, trauten wir unseren Augen nicht. Milliarden-Deals mit Griechenland: Wer sind die Profiteure? 50 Milliarden Euro sollen die von Griechenland geforderten Privatisierungen von Staatseigentum einbringen. Ausgerechnet ein deutsches Unternehmen, das mehrheitlich in öffentlicher Hand ist, könnte davon profitieren: Fraport will 14 der lukrativsten griechischen Flughäfen übernehmen und erhofft sich satte Gewinne. Einnahmen, die der griechische Staat in der Krise gut gebrauchen kann, könnten so am Ende in deutschen Staatskassen landen – auf Betreiben der Bundesregierung. Der Verkauf von griechischer Kultur Auf einer Plattform, die als Offizieller-Sperrmüll-Verkauf der EU, EZB und IWF zu erkennen war, war mit dem Verkauf von griechischen Kulturgüter begonnen worden. Mark Zuckerberg, der Vorstandsvorsitzende von Facebook, hatte bereits die Akropolis samt Partenontempel und Niketempel erworben. Die antike Stadtmauer Kerameikos wurde Dirk Nowitzki, dem berühmten NBA Spieler, gutgeschrieben. Das Dionysostheater, in dem die klassischen Tragödien der Dramatiker Aischylos, Sophokles und Euripides aufgeführt wurden, wurde von dem Rapper Eminem erworben und das Kalimarmaro- Stadion, das 330 v.Chr. erbaut wurde und in dem die ersten Olympischen Spiele 1896 stattfanden, hatte innerhalb weniger Minuten, nachdem die Seite online gegangen war, als neuen Besitzer Julian Paul Assange, den Kopf von Wikileaks. Ich traute meinen Augen nicht! Auf einer Nebenseite wurde im Minutentakt alles, was die griechische Kultur zu bieten hatte, verscherbelt. Brad Pitt, George Clooney und Johny Depp haben gemeinsam die Insel Rhodos gekauft und während Grigoris und ich x-tausend Meilen voneinander entfernt uns aufregten, blinkte die Nachricht auf, das der Weiße Turm, das Baudenkmal und Museum in Thessaloniki, an Steffi Graf und Andre Agassi veräußert wurde.Grigoris meinte, wir hätten doch die einmalige Gelegenheit, den Koules, den meine Frau so sehr liebt, für ein Apfel und ein Ei zu erwerben. Wir müssten lediglich das Codewort eingeben, was als Berechtigungszertifikat an die TOP 100 Milliardäre der Welt verteilt wurde. „Und wie kommst Du zu dem Code?“ fragte meine Frau Grigoris. Inzwischen hatte ich das Telefon auf „laut“ gestellt. „Clive Frederick Palmer, “ sagte Grigoris „ Er ist einer der reichsten Männer Australiens, der kein Interesse an Griechenland zeigt, dieser Mensch jedoch…. das ist eine andere Geschichte und spielt jetzt keine Rolle.“ Die Augen meiner Frau leuchteten und ihr Blick schweifte im Geiste von der Festung Koules über den Hafen von Heraklion, so wie es schon vor über 500 Jahren die Wachtposten taten, die hier nach Angreifern Ausschau hielten. Die Unterkünfte der Soldaten und das Gefängnis waren zu sehen und die Stelle, von wo die Kanonen das Feuer auf angreifende Schiffe eröffneten. Was waren das für eindrucksvolle Reliefs des Markuslöwen, die sich an drei Seiten der Festung befinden. Schon seit dem 10. Jahrhundert ist am Hafen von Heraklion eine Festungsanlage urkundlich belegt. Das heutige Gebäude wurde von 1523 bis 1540 von den damaligen venezianischen Herrschern erbaut. Sein ursprünglicher Name lautete Rocca al Mare. Der imposante rechteckige Bau ist das bekannteste Gebäude in Heraklion. Für viele ist die Festung ein Wahrzeichen für die Stärke und Überlebenskraft der Stadt. Gerade blinkte die Nachricht auf, dass der Kanal von Korinth an einen iranischen Großinvestor ging und der Achilleion- Palast in Korfu Stadt, dieses prächtige Bauwerk, das Kaiserin Sissi bewunderte, ging an den Microsoft Konzern. „Wie lautet das Passwort,“ fragte ich Grigoris. „Kreikan jätteet” antwortete er und fuhr fort, dass dies mit EU, EZB und IWF so abgesprochen war, um die letzten zwei Grexit- Befürworter, Minister Schäuble und dem finnischen Minister Alexander Stubb zu überzeugen, sich der Mehrheit anzuschließen. „Und was bedeutet dieses Passwort?“ fragte ich Grigoris. Er erwiderte, dass es Finnisch sei und „Griechischer Schmutz“ oder „Griechischer Dreck“ bedeutet. Meine Frau und ich schauten uns einen Sekundenbruchteil an und obwohl wir schon die Kaufsumme durch PayPal bestätigt hatten, habe ich auf die erneute Frage „Kauf abschließen“ auf den Button „Nein“ geklickt.  Denkmäler und Brücken, ganze Inseln wurden verscherbelt. Das sind Hellenische Kulturgüter. Das ist das Herz und die Seele Griechenlands. Für die Einhaltung von Freiheit und Frieden ist so viel Blut geflossen, nein, niemals darf man sich auf so eine Farce einlassen. Wir begriffen, dass an diesem besagten „schwarzen Sonntag“ im Juli 2015 die Geldgeber mit Griechenland nicht verhandelt, sondern Ministerpräsident Tsipras zur Kapitulation gezwungen hatten. Kostas war zum ersten Mal in seinem Leben sprachlos als ich ihm darüber berichtete.

Anruf von Karlheinz

Karlheinz, mein alter Kumpel, der nach Australien ausgewandert ist, meldete sich nach einigen Wochen Sendepause. Dank modernster Technik sitzt er in seinem Wohnzimmer in Australien und ich in der Nähe von Pforzheim und wir reden nicht nur miteinander, wir können uns auch noch sehen. Klar sage ich ihm nicht, dass er sichtlich gealtert war. Wir sind gleichaltrig und ich habe Angst von einer Retourkutsche. „Was ist denn in Deutschland los?” fragte er mich. „Hier in den australischen Medien und auch auf Twitter wie auf Facebook wird zitiert, dass die Kanzlerin Merkel sich eine braune Bluse angezogen hat und einen Staatsstreich in Griechenland plante, und ihr Finanzminister wird als Sensenmann gesehen. Menschen in aller Welt lassen ihrer Abscheu gegen den deutschen Politiker freien Lauf. Zwar gibt es 19 Euro-Länder, doch das Meiste bekommt Deutschland ab. In einer italienischen Zeitung konnte man von „ EU-Reichsführer Merkel“ lesen.“ „Du hast recht“, sagte ich zu Karlheinz. „Die deutschen Politiker haben sich nicht mit Ruhm bekleckert, aber ich möchte doch deutlich davon Abstand nehmen, wenn Bilder von KZ- Häftlingen in Verbindung mit der Bundeskanzlerin zu sehen sind. Überall ist zu lesen, dass Deutschland ein Kredithai sei, der versucht, Griechenland kaputt zu machen. In Spanien wurde sogar zum Boykott auf deutsche Waren aufgerufen. Die Worte des Ökonomen Jeffrey Sachs sind nicht zu überlesen, der in der New York Times schrieb: Griechenland mag inkompetent sein, aber die Führer der deutschen Regierung sind grausam. Es sei besser, Deutschland scheidet aus der Eurozone aus als Griechenland. Der Nobelpreisträger Paul Krugmann schrieb sogar: Der Forderungskatalog der Euro-Gruppe ist Wahnsinn.“ Die Verbindung zu Karlheinz wurde für wenige Sekunden gestört, dann war er wieder deutlich zu hören und zu sehen. „Tsipras tappt doch auch in jedes Fettnäpfchen, ” meinte Karlheinz. Ok, ich darf in Griechenland nicht wählen und kann aus der Distanz sicherlich vieles differenzierter sehen. Tsipras, der Politneuling, dachte, dass ein kleines Land wie Griechenland den mächtigen Wirtschaftsbossen Paroli bieten könne. Er hat es versucht und hat Mut bewiesen. Mut, die Wahrheit auszusprechen. Mut, aufzustehen und die Wahrheit zu wiederholen. Weil Wahrheit das Einzige ist, was man mit Geld nicht kaufen kann. Für kurze Zeit allemal, jedoch nicht auf Dauer. Er hat es geschafft, dass in unzähligen europäischen Städten Menschen auf der Straße mit griechischen Fahnen demonstrierten und „Wir sind Griechenland“ riefen. Er hat es geschafft, die Saat der Gerechtigkeit zu säen und mit Geduld und Behutsamkeit wird diese Saat zur großen Macht gedeihen. Ob Tsipras erpresst worden sei, höre ich von allen Seiten. Aber ich weigere mich, das zu glauben, schließlich dementiert das die Bildzeitung und die muss es ja wissen. Auf einmal war die Verbindung zu Karlheinz abgebrochen, aber ich sah auf dem Bildschirm, dass Kostas online war. Ich wählte ihn an und ich sah das Banner, das bei ihm im Wohnzimmer hängt: “Lieber Gott, wir haben nur ein Leben, danke dass ich es als Grieche leben darf.”

 

Schnappschüsse in Heraklion

Wir leben wirklich in einer Zeit, die vielleicht in die Geschichte eingehen wird. Europa hier, Griechenland dort, wie wenn man sagen würde Köln hier, Dom dort oder München hier, Theresienwiese dort. Kann man so eine Trennung machen? Nein und abermals nein! Aber ein Kleindenkerhirn ermöglicht alles.Gerade in dieser Zeit verbrachten und verbringen wir Tage auf Kreta. Das Meer ist völlig überraschend wie immer blau, der Himmel auch total ungewöhnlich sonnig, das Wetter total befremdlich heiß und die Menschen na ja, fast wie immer. Stets freundlich, stets mit einem Willkommen auf den Lippen, trotzdem mit einer Bitterkeit, einer Verunsicherung in den Augen. Einige der unzähligen Momente von Glück und Trauer möchte ich gerne wiedergeben.
Teil 1
Bei uns heißen Tenia und Manos „die Verliebten“. Beide sind Ende zwanzig und für Mitte September ist die Hochzeit geplant. Bei den letzten beiden Treffen hatten wir die Zeche bezahlt und beiden hatten das akzeptiert, denn beim nächsten Mal, wenn wir im Juli wieder hier sind, wären sie mit dem Zahlen dran. Wir hatten den Dienstagabend reserviert. Mittags erhielt ich einen Anruf von Manos: „Du, heute Abend ist etwas dazwischen gekommen, lass uns doch kurz ein Bier trinken gehen….“ Im Laufe des Telefonats stellte es sich heraus, dass Tenia schon seit einem Monat kein Geld erhalten hatte, sie arbeitet in einer Boutique in der Innenstadt, und Manos war diese Woche von der Schreinerei, in der er beschäftigt ist, freigestellt worden, weil sein Chef die Volksbefragung am 5. Juli abwarten möchte. Ich sagte daraufhin: “Kommt doch heute Abend zu uns, wir trinken einen Raki und quatschen über all das was uns beschäftigt.“ Wie es üblich ist, trafen sich dann abends bei uns im Hof die Verliebten, wir zwei „Alt-Verliebte“, Kostas, Vassilis und Dimitris. Tante Filareti, die sonst immer mitten drin ist, wollte unbedingt die Berichterstattung der aktuellen Lage im Fernseher miterleben. Da man Raki nicht ohne Meze zu sich nimmt, war unser Tisch voller Leckereien und um nicht den Eindruck zu vermitteln, dass wir extra eingekauft hatten, sagte meine Frau, sie hätte den Kühlschrank geplündert und alles, was darin war, auf den Tisch gestellt. Das anfängliche „nein, wir haben kein Hunger“ endete nach einigen Stunden so, dass sechs Flaschen Retsina, ein Liter Raki und fast alle Teller auf dem Tisch leergeputzt waren. Im Laufe des Abends hatte Tenia öfters feuchte Augen, weil sie sich über ihre Hochzeit Gedanken machte und nicht sicher war, ob diese überhaupt stattfinden kann. Jedes Mal, wenn es so weit war, meinte Kostas: „Lasst uns auf sonnige Zeiten anstoßen.“ Er erhob sein Glas und mit jedem Raki, der getrunken wurde ist ein Stückchen Schmerz und Unsicherheit gewichen. Manos sagte mir beim Abschied: „Wenn Du bald wieder nach Deutschland fliegst, dann sage bitte dem Herrn Schäuble, dass er zwar die griechische Wirtschaftsstabilität ruinieren kann, aber niemals das Herz der Griechen.“ Ich denke, es gibt Augenblicke, die man niemals vergisst. Dieses war so einer für mich. Kostas sagte daraufhin: Lieber Gott, wir haben nur ein Leben. Danke, dass ich es als Grieche leben darf.
Teil 2
Eine der wirklich sehr wenigen Macken, die ich habe, ist die, dass ich zum Frühstück immer frisches Brot oder Brötchen brauche. Und da es hier auf Kreta ein wahnsinnig leckeres Weißbrot gibt (ich hoffe, dass mein Hausarzt das jetzt nicht liest), bin ich jeden Morgen beim Bäcker und hole zwei Brote. Eins mit und eins ohne Sesamkörner. Ich liebe Sesamkörner! Also ich komme aus der Bäckerei, einen Sesamkringel im Mund und in der Tasche die zwei Brote. Da höre ich eine kaum vernehmbare Stimme. Eine ältere Dame, ich verwende absichtlich dieses Wort, gut angezogen und sehr gepflegt, stand vor mir. „Haben Sie mich angesprochen?“ fragte ich. Etwas beschämt zeigte sie mir zwei 20 Cent Stücke in ihrer Hand. „Haben Sie vielleicht noch 50 Cent, damit ich ein Brot kaufen kann?“ Sie sagte es mit demütiger und durchaus glaubwürdiger Miene. Ich griff in meine Tasche, drückte ihr mangels Kleingeld einen Fünf Euro Schein in die Hand und wollte weiter, da hielt sie mich an der Hand fest. „Nein, nein, mein Herr, ich will lediglich nur 50 Cent, bitte warten Sie, ich kaufe ein Brot und gebe Ihnen das Restgeld.“ „Behalten Sie es“, sagte ich. „Auf keinen Fall, vielen Dank, nein.“ Ich entzog ihr meine Hand und legte sie sanft auf ihre. „Bitte behalten Sie das Geld, und wenn Sie am Sonntag in der Kirche gehen, zünden Sie bitte zwei Kerzen zur Erinnerung an meine Eltern an.“ Ich denke, es gibt Augenblicke, die man niemals vergisst. Dieses war so einer für mich. Kostas sagte daraufhin: Lieber Gott, wir haben nur ein Leben. Danke, dass ich es als Grieche leben darf.
Teil 3
Überall auf der Insel ist das Heute, das Jetzt allgegenwärtig. Not und Elend reichen sich die Hand. Trotz allem dürfen wir die Geschichte nicht ignorieren, und ein markantes Bespiel hierzu ist der deutsche Soldatenfriedhof in Maleme, einer kleinen Ortschaft ca. 20 km von Chania entfernt. 1941 wurden bei dem Angriff auf Kreta im Unternehmen Merkur rund ein Fünftel der deutschen Soldaten getötet. In Maleme liegen 4465 junge Menschen, in der Blüte ihres Lebens sinnlos geopfert. Wir waren um die Mittagszeit dort, fast keine Besucher außer uns. Mein lautes: „Warum“ blieb ungehört. Der Grundriss der Anlage symbolisiert die vier Hauptschlachten um Heraklion, Rethymnon, Chania und Maleme. Granitplatten umfassen den Weg mit den Namen und den Daten von je zwei Gefallenen. Ich schließe die Augen und sehe eine Schar junger Menschen, denen die Zukunft durch einen sinnlosen Krieg geraubt wurde. Nichts ist sinnloser als Krieg, nichts kann das Leben dieser jungen Männer wieder bringen. Siebzig Jahre sind inzwischen vergangen. Es gab so viele Kriege auf der Welt, und der moderne Krieg ist der Neoliberalismus mit Zitaten wie…..‘Mir tut das Volk in Griechenland wirklich leid, aber ökonomisch sind die Schritte des IWF und der EZB absolut verständlich‘. Und wie der amerikanische Wissenschaftsautor Isaak Asimow absolut zu Recht sagte: „Gewalt ist die letzte Zuflucht der Unfähigen.“ Vor siebzig Jahren waren nicht genug Menschen in der Lage, NEIN zu rufen. Heute ist es unsere moralische Pflicht, das NEIN zu wählen. Ich denke, es gibt Augenblicke, die man niemals vergisst. Dieses war so einer für mich. Kostas sagte daraufhin: Lieber Gott, wir haben nur ein Leben. Danke, dass ich es als Grieche leben darf.
Teil 4
Die Volksabstimmung war angesetzt und sie wurde mit einem überwältigend hohen Prozentsatz des OXI (Nein) zur Verarmung und Vernichtung des Landes beendet. Die „Größen Europas“ trafen sich wieder und beschlossen —- Nichts. In der Nacht schlief ich schlecht, fast wie die ganzen Nächte zuvor, weil ich machtlos erlebe, wie im Schnitt zwanzig Menschen pro Tag, weil sie schlicht nichts zu fressen haben oder weil sie ihre Familien nicht mehr durchbringen können, Selbstmord begehen. Die Angstträume kommen. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Belagerung eine Sonderform des Angriffs ist, um befestigte Anlagen zu bezwingen oder arme Völker zu neutralisieren (was für ein Ideologisches Wort). Von der frühgeschichtlichen Zeit bis heute stellt die Belagerung ein wesentliches Element der Kriegsführung dar. Ziel ist es, den Gegner zu schwächen und diesen dazu zu bringen, in eine Kapitulation einzuwilligen. Dieses geschieht durch Aushungern, Demoralisieren, also physische und psychische Vernichtung. Wie die Demokratie ist das „Belagern“ ebenso ein griechisches Produkt. Ok, Jericho im Alten Testament möchte ich ausklammern. Aber man denke an Troja oder an die Schlachten Alexander des Großen. Julius Cäsar perfektionierte dann die Belagerungstechnik. Man kennt diverse Belagerungen vom russisch-japanischen Krieg oder vom ersten Weltkrieg. Madrid, die spanische Metropole, war sogar drei Jahre lang belagert worden. Ich erinnere auch an die „Quarantäne“ während der Kubakrise.
Was geschieht momentan mit Griechenland?
Kostas meint: Lieber Gott, wir haben nur ein Leben. Danke, dass ich es als Grieche leben darf.

Die faulen Griechen

Es stimmt! Wir sind seit fünf Tagen auf Kreta und die letzten Monate in Deutschland sind nicht absolut spurlos an uns vorbei gegangen. Kein Tag, ohne dass die schreibende Presse, Radio oder Fernsehen das Gesicht des „faulen Griechen“ gezeigt und geprägt hatten und siehe da, was sehe ich in den Cafés und Bars? Nur von diesen Schmarotzern, die statt zu arbeiten hier die Zeit totschlagen.
Exakt so etwas würde ich schreiben, wenn ich es nicht besser wüsste: nämlich dass diese jungen Menschen so gerne arbeiten würden, wenn Arbeit da wäre, und dass sie stundenlang bei einem Frappe zusammen sitzen, ohne sonst noch etwas zu konsumieren.
Das kleine 1×1 beherrscht fast jeder von uns und hier würde ich gerne von Nancy und Eleni berichten.
Die eine gelernte Visagistin, die andere Köchin. Nancy arbeitet diesen Sommer als Hilfsköchin in einem kleinen Hotel bei Malia. Ihre Arbeitszeiten sind von 7:00 morgens bis 21:00 am Abend. Dazwischen hat sie zwei Stunden Mittagspause auf einer Strandliege in der Küche. Frühstück, Mittagessen und Abendessen für 130 Gäste.
Das heißt, dass nicht einmal die Zeit für einen Zug aus ihrer so heiß geliebten Elektrozigarette möglich ist. Sie arbeitet, die Zeit für Hin-und Rückfahrt abgezogen, 12 Stunden täglich. Bei einem Monat mit dreißig Tagen sind das 360 Stunden. Es gibt keinen Ruhetag versteht sich. Da sie mit ihrem Vater fährt, kann sie sich die Spritkosten sparen und kommt somit auf einen Stundenlohn von € 2,50. Vor zwei Tagen hat sie sich eine Fingerkuppe an der Wurstschneidemaschine abgeschnitten. Zwei Stunden hat sie wegen der notwendigen ärztlichen Versorgung gefehlt, die am Abend nachgeholt wurden. Der Herd musste ja schließlich bedient werden. Heißt es ein Indianer oder ein Kreter kennt keinen Schmerz? Ein anderes Beispiel der „faulen Griechen“ ist Eleni. Sie fährt täglich mit dem Bus von Heraklion nach Chersonisos und zahlt knappe 180 Euro dafür. Sie fährt um 10:30 Uhr weg und kommt zwischen 2:00 Uhr und 3:30 Uhr morgens zurück. Einigen wir uns auf 15 Stunden täglich. Das bedeutet abzüglich der Fahrkosten einen Stundenlohn von €1,82. Wenn wir die Zeit, die sie unterwegs ist, abziehen sind es € 2,26 die Stunde. Eleni ist Anfang 60 und bekommt ihr Geld auch nicht regelmäßig, da der Tourismus noch nicht so in die Gänge gekommen ist. Wenn ich das nächste Mal das Wort von den „faulen Griechen“ höre, dann muss ich Kosta zitieren: “Lieber Gott, wir haben nur ein Leben. Danke dass ich es als Grieche leben darf”.

Rüstige Rentner

Karlheinz und ich kennen uns seit 1969. Wir haben gemeinsam unsere erste Lehre begonnen. Irgendwann trennten sich unsere Berufswege, privat jedoch haben wir uns nie aus den Augen verloren. Wie das berühmte Schicksal spielt, trafen wir uns im Wartezimmer der Rentenberatung. Beide wollten wir uns erkundigen, wie wir uns zu verhalten haben. Karlheinz, weil er schon zwei Jahre krank und inzwischen arbeitslos ist und ich, der im hohen Berufsalter sich dazu entschlossen hatte, selbständig zu werden. Im Warteraum war nicht viel los und die nette Dame am Empfang begrüßte mich mit einem Lächeln und der Information, dass sich alle Termine um ca. eine halbe Stunde nach hinten verschieben werden. Nicht unbedingt erfreut watschelte ich zur  Sitzecke und siehe da, Karlheinz saß da und las den Sportteil der Bildzeitung. Nach den üblichen Begrüßungen und den Fragen, wie es der Frau des anderen geht und natürlich den neuesten Fußballnachrichten fragte mich Karlheinz nach meiner  Meinung zur Griechenland Krise. In erster Linie würde er sich über das griechische Rentensystem ärgern, da er gehört hat, dass die „faulen Griechen“ viel mehr Rente bekommen als die deutschen Rentner. „Wir haben 45 Berufsjahre hinter uns und bekommen weniger als die, die nichts arbeiten, ist das richtig?“  Einige Minuten später, als ich ihm schlicht und emotionslos – ich wusste nicht, dass ich das auch kann – die ganze Situation erklärt hatte, meinte er: „Das sind doch arme Schweine“.  Und ich musste ihm Recht geben, weil die meisten griechischen Rentner  leider Gottes dieses Attribut verdienen. Fakt ist, dass das es in Griechenland dreizehn Rentenkassen gibt. Die Parteibosse und ihr Fußvolk der letzten Regierungen haben sich dumm und dämlich daran verdient.„Griechenland muss die Suppe selber auslöffeln“, sagte ich. „Die Griechen, obrigkeitshörig und kritiklos, ließen sich wie ein Ochse an einem Nasenring durch den Politsumpf der letzten vierzig Jahre führen. Jetzt ist eine neue Zeitrechnung angebrochen. Die Zeitrechnung der Wahrheit.“ Karlheinz schaute mich verdutzt an und ich nannte ihm die neun Eckpfeiler, warum es ein Irrsinn wäre, ohne soziale Absicherung die Renten zu kürzen.
        In den letzten fünf Jahren  haben die Rentner mehr als 30% verloren
❷          Die Durchschnittsrente beträgt € 664,69
❸          89% der Rentner sind über 61 Jahre alt
        44,8% der Rentner erhalten Renten, die unter der Armutsgrenze liegen
❺          Wer sich nach 1993 versichert hat, geht erst mit 67 Jahren in Rente
❻          Die Rentenkassen haben 13 Milliarden Euro verloren, weil sie griechische Staatsanleihen gekauft hatten.
❼          Auf einen Rentner kommen derzeit nur zwei Arbeitende
❽          Griechische Rentner sind versichert, erhalten jedoch keine Medikamente
❾          Aktuell sieht es so aus, dass alle, die 62 Jahre alt sind und 40 Jahre lang Beiträge bezahlt haben, in die Rente gehen können. Aber sie können damit nicht leben.
Und was denkst Du“, meinte Karlheinz, „werden sich die Politiker einigen?“ In dem Augenblick kam die Empfangsdame und machte Karlheinz ein Zeichen, dass er zu dem Beratungsgespräch kann.
„Werde mich diese Tage mal melden“, sagte er.
„Lass uns in drei Wochen telefonieren“, antwortete ich. „Wir fliegen am Samstag nach Kreta und da werde ich Unmengen Raki und Ouzo trinken und Du wirst sehen, die Wirtschaft wird angekurbelt werden.
Er winkte lächeln ab.  „Wie immer ein Scherzbold“, sagte er und ging.
In den nächsten Minuten begann ich zu rechnen. Wenn von den 745 Millionen Menschen, die in Europa leben, jeder eine Flasche Ouzo für sagen wir im Schnitt €10. —kaufen würde, ergäbe das eine Summe von 7,5 Milliarden und wenn man noch ein halbes Kilo Schafskäse und 250 Gramm Oliven……..
Im Warteraum der Rentenberatung kommen einem philosophische Gedanken….
Ich musste sofort Kosta anrufen, der wie fast immer meinte: Lieber Gott, wir haben doch nur ein Leben. Danke dass ich es als Grieche leben darf.“

Die Geschichte von einem bösen Traum

1974 erschien eine sehr bemerkenswerte LP, „Der Rattenfänger“ von und mit Hannes Wader. Auf dieser LP ist der Song “Talking Böser Traum Blues” zu hören mit folgendem Refrain:
Diese Geschichte ist nur ein böser Traum
Und dass der mal wahr wird, glaube ich kaum
Denn schon setzen sich Menschen dagegen zur Wehr
Und jeden Tag werden es mehr!
Gut vierzig Jahre später…. nach dem Aufstehen und dem morgendlichen Besuch der Toilette ist mein erster Gang der zum Briefkasten, um die Tageszeitung zu holen. Um 6:00 Uhr morgens, wenn draußen alles noch ruhig ist und die Welt langsam beginnt, aufzuwachen,  setze ich mich an den Esstisch und die Lektüre beginnt. An diesem Tag war ich anfangs etwas irritiert über die Schlagzeilen, dann verunsichert und schließlich total verwirrt.Ich las, dass Königin Alexandra Merkel, eine Nichte der legendären Kanzlerin Angela Merkel, die das Ende der europäischen Union im Jahre 2016 verkündet hatte, zu einem Staatsbesuch im Nachbarland Bayern weilt und dass ihrem Gefolge die Mautgebühren von 3 Thaler und 30 Kreuzer automatisch vom Staatskonto abgebucht wurden.Königin Merkel, so war weiter zu lesen, wird sich dort im Rahmen des G-10- Gipfels mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis, dem Vierten treffen. Als Randnotiz war folgendes zu lesen: Seit dem Jahre 2016, als Griechenland aus der Eurozone hinauskomplimentiert wurde, trägt jeder Ministerpräsident den Namen Alexis, da es seinerzeit Alexis Tsipras gelang, dem maroden und heruntergewirtschafteten Griechenland wieder zu dem  Rang und Namen zu verhelfen, den es in der Antike hatte, und die Würde Griechenlands wieder herzustellen.Merkwürdig das Ganze, dachte ich mir und las weiter in der Zeitung. Dort wurde die Geschichte der letzten fast 100 Jahre dokumentiert, z. B. dass Griechenland in den Monaten der Übergangszeit vom Euro zur Drachme viele Projekte realisieren konnte, deren Umsetzung durch die strenge Hand des IWF und EZB nicht möglich war. Die Flughäfen Athen und Thessaloniki wurden an russische Großinvestoren verpachtet und die drei größten Häfen an chinesische Multikonzerne. Die Arbeitslosenquote halbierte sich bereits nach zwei Jahren und die Jugendarbeitslosigkeit von fast 60 Prozent im Jahre 2015 hat sich momentan bei knapp über 5 Prozent eingependelt. Da Griechenland schon immer ganz vorne in den Arbeitszeit-Statistiken stand, haben Großkonzerne wie General Motors, Microsoft und Daimler Benz ihre Hauptproduktion nach Griechenland verlagert. Mitte der 50er Jahre des 21. Jahrhunderts hatten die derzeit zehn Mitgliedsstaaten der UNO die übrigen Staaten untereinander aufgeteilt. Dieses geschah, wie die Wirtschaftsbosse es seinerzeit nannten, in Form einer friedlichen Übernahme. Man verfrachtete einfach Millionen von Flüchtlingen in diese Regionen – diese hatten auf gut schwäbisch: „nix mehr zu fressen“-,  und verkaufte ihre Souveränität an den Meistbietenden, und diese Länder waren rar. 2015 bestand die UNO aus 193 Mitgliedsstaaten, 2040 waren es  45 und im Jahr 2056 noch 10. Der letzte G-10- Gipfel vor 5 Jahren war an Harmonie nicht zu überbieten. Einstimmig wurde Japan dazu verpflichtet, den Weltmüll zu lagern, da sie sich über Jahrzehnte gewehrt haben, an der Klimaschraube zu drehen. Irak, der letzte noch verbliebene eigenständige Staat im arabischen Raum wurde zum Sitz der NSA und die Begriffe Afrika und Entwicklungshilfe wurden aus den Lexika ersatzlos gestrichen. Durch den enormen Fortschritt im Gesundheitsschutz gab es keine Epidemien mehr, und so wurde durch eine gezielte Nichtbekämpfung der Ebola- Krankheit die Bevölkerung auf dem afrikanischen  Kontinent  ausgelöscht. Jährlich wurde auch eine neue Statue einer Persönlichkeit der Weltgeschichte, die sich nicht immer mit Ruhm und Ehre bekleckert hatte, als Mahnmal enthüllt. In den letzten Jahren waren es Sylvio Berlusconi, die damalige IWF- Macherin Christine Lagarde und jetzt fragen sich die politisch Interessierten, immerhin noch  1,2 Prozent der Bevölkerung,  ob Wolfgang Schäuble den Zuschlag bekommen hat oder doch Sepp Blatter, der die FIFA ruiniert hatte. Langsam doch sehr überrascht vom Ganzen las ich das Datum: 16. Juni 2115. Ich rieb mir die Augen und erschrak im selben Moment, als ich feststellte, dass ich mich noch im Bett befand und die zarte Hand meiner Frau meine Schulter berührte. „Sag mal, hast Du verschlafen?“  Durch den nicht ganz zugezogenen Vorhang fielen die ersten Sonnenstrahlen ins Zimmer, mein Blick aufs Handy bestätigte mir, dass es 6:30 Uhr am 16.Juni 2015 war. „Hast Du was Böses geträumt?“ fragte mich meine Frau. Inzwischen war ich schon aufgestanden und auf dem Weg ins Bad. „Nein, alles ok“, murmelte ich. Die Zeitung, die ich aus dem Briefkasten holte, hatte das aktuelle Datum. Meine  Ängste und Hoffnungen hatte ich im Traum verarbeitet und das Hannes- Wader- Lied kam mir noch einmal in dem Sinn. Nach über sechseinhalb Minuten endet es ungefähr so:
Ich ging zum ersten Besten, holte aus zum Schlag
Wachte auf und sah, dass ich in der Badewanne lag
Weil die Ärzte meinen, dass es gut wär’ das zu tun
Schrieb ich die Geschichte nieder und hier ist sie nun
Diese Geschichte ist nur ein böser Traum
Und dass der mal wahr wird, glaube ich kaum…
Kostas rief mich an dem Tag gegen Mittag an. Wir sollten nicht vergessen, bei unserer nächsten Reise irgendetwas mitzubringen. Ich erzählte ihm von meinem Traum und er meinte, dass die Passagen, die Griechenland betreffen, sich schön anhören würden. Sie seien leider jedoch utopisch. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Lieber Gott, wir haben doch nur ein Leben. Danke, dass ich es als Grieche leben darf.“